Als "stolze Ritter der Wüste" romantisch verklärt, stehen
die Tuareg im Mittelpunkt zahlloser Filme und Romane. Doch die einzigartige
Kultur dieser heute noch rund eine Million Nomaden ist vom Untergang bedroht.
Ihr jahrhundertealtes Wissen, mit dem sie unter schwierigsten klimatischen
Bedingungen überleben konnten, könnte für immer verlorengehen.
In ihrer eigenen Sprache nennen sich die Tuareg "freie Menschen". Ihr
Gebiet erstreckt sich über acht nordwestafrikanische Länder und
ist rund fünf Mal so groß wie Deutschland. Einst als Sklavenjäger
von ihren schwarzen Nachbarn gefürchtet, sind die Tuareg heute selbst
Opfer von Diskriminierung und Ausgrenzung. Ihre "Freiheit" wird ständig
weiter eingeschränkt: Traditionelle Wanderwege ihrer Herden sind jetzt
durch Staatsgrenzen zerschnitten, Zölle behindern den Handel. So brechen
auch die sagenumwobenen Kamelkarawanen der Tuareg immer seltener auf, um
Produkte einzuhandeln, die sie selbst nicht herstellen können.
"Mein Vater war Nomade, ich bin Nomade, meine Kinder werden Nomaden
sein," erklärt der 50jährige Tuareg Inaka. "Das ist das Leben
meiner Vorfahren. Das ist das Leben, das wir kennen und schätzen."
Die Regierungen von Mali, Niger, Libyen, Mauretanien, Burkina Faso und
Nigeria jedoch wollen alle Tuareg dazu bringen, seßhaft zu werden.
Flucht vor Dürrekatastrophen
In den extremen Dürreperioden der 70er und 80er Jahren verendeten
zahllose Kamele, Schafe, Ziegen und Rinder der Tuareg. Notgedrungen gaben
viele ihr Nomadenleben auf und flohen vor der Trockenheit nach Algerien
und Libyen. Dort verdingten sie sich als Gastarbeiter in der Erdölindustrie
und anderen modernen Berufen. Etliche Tuaregfamilien ließen sich
als Gartenbauern in den Oasen der Sahara nieder.
Die Tuareg-Revolte
Mit dem Niedergang der Erdölindustrie mußten die Gastarbeiter
nach Mali und Niger heimkehren. Den Rückkehrern war Hilfe bei der
Wiedereingliederung versprochen worden. Doch sie blieb aus, und die Tuareg
organisierten Proteste. Die Regierungen Malis und Nigers reagierten mit
Verhaftungen und Folter. Daraufhin brach 1990 eine Revolte unter den Tuareg
aus. Sie griffen zu den Waffen und bildeten Widerstandsorganisationen.
Ihre Überfälle auf Polizeistationen beantwortete das Militär
mit brutaler Gewalt gegen unschuldige Zivilisten. So wurden auf der Suche
nach mutmaßlichen Angreifern wahllos Tuareg verhaftet, gefoltert,
vergewaltigt und erschossen.
Als Tuareg-Rebellen bei einem Überfall Waffen erbeuteten, verwüsteten
Soldaten in der Stadt Timbuktu in Mali am 11. Mai 1991 systematisch die
Geschäfte von Tuareg und verhafteten zahllose Zivilisten. Nur wenige
Tage später wurden in der Stadt Léré 50 führende
Persönlichkeiten der Tuareg von der Armee standrechtlich erschossen.
Bei den Übergriffen der Militärs starben mindestens 2.000 Tuareg.
Zehntausende flüchteten. So suchte rund die Hälfte der Tuareg-Bevölkerung
Malis Schutz in den Nachbarländern.
Zerbrechlicher Frieden
Die Tuareg-Revolte wurde in Mali im April 1992, in Niger drei Jahre
später mit der Unterzeichnung von Friedensverträgen beendet.
Mit internationaler Hilfe konnten die Flüchtlinge zurückkehren.
Die malische Regierung besserte den Friedenspakt 1996 nach und nahm Tuareg-Rebellen
in die Armee des Landes auf. Im demokratisch regierten Mali ist der politische
Wille zur "Entwicklung" der Tuareg-Gebiete erkennbar. Trotzdem gibt es
zahlreiche Probleme. So werden zwar Krankenhäuser gebaut, doch es
fehlt an Straßen, um Medikamente herbeizuschaffen. Im Nachbarland
Niger gefährden Militärputsche immer wieder den Frieden. Und
bis heute warten die Tuareg auf die ihnen zugesicherte Autonomie und finanzielle
Förderung.
Die Tuareg brauchen Unterstützung
Die Tuareg haben keine Lobby in Afrika. In den nordwestafrikanischen
Staaten sind sie jeweils eine von vielen Minderheiten. Sie leben am Rande
der Gesellschaft und werden immer weiter ins Abseits gedrängt.
Wir setzen uns dafür ein,
* daß die bedrohliche Lage der Tuareg international
bekannt wird
* daß die Tuareg in ihrem traditionellen
Lebensraum (über)leben und arbeiten können, damit ihr einzigartiges
Wissen und ihre
jahrhundertealte Kultur nicht
verlorengehen
* daß die Regierungen Nigers und Malis in
die Verantwortung genommen werden, die den Tuareg gegebenen Zusicherungen
auch
zu verwirklichen
* daß europäische Entwicklungshilfe
die Interessen der Tuareg berücksichtigt
* daß auch die Tuareg, deren Viehherden
Dürrekatastrophen zum Opfer fielen und moderne Berufe ausüben
wollen, endlich
menschenwürdig leben
können.
bedrohte Völker in Afrika
EINE PUBLIKATION DER GESELLSCHAFT
FÜR BEDROHTE VÖLKER * WEITERVERBREITUNG BEI NENNUNG DER QUELLE
ERWÜNSCHT