| Appell
an den deutschen Bundestag
Der deutsche Bundestag soll den Völkermord
an den Herero durch Truppen des deutschen Kaiserreiches Anfang des vergangenen
Jahrhunderts in der damaligen Kolonie Deutsch - Südwestafrika offiziell
anerkennen. Diese Forderung hat die Gesellschaft für bedrohte Völker
(GfbV) am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Frankfurt a. M. erhoben.
Der Oberhäuptling der Herero und Mitglied des Parlamentes von Namibia,
Kuaima L. Riruako, forderte die Bundesregierung auf, einen Entwicklungsfonds
für die Herero zu unterstützen. "Wir können zwar verzeihen,
aber nicht vergessen", sagte er. "Wir fordern Wiedergutmachung für
den Genozid an unserem Volk. Deutschland hat sich bereits mit dem Holocaust
an den Juden, Sinti und Roma auseinandergesetzt. Sich jetzt auch der Verbrechen
der Kolonialzeit zu stellen, ist eine moralische Voraussetzung für
die von der Bundesregierung gewünschte ständige Mitgliedschaft
im Weltsicherheitsrat."Frankfurt a. M./Göttingen, den 4. Oktober
2000
Im Januar 1904 erhob sich in der Kolonie Deutsch
- Südwestafrika, der heutigen Republik Namibia, das Volk der Herero.
Die
Herero sind halbnomadische Rinderzüchter, die nördlich von Windhoek
bis zum Ovamboland ihre Weidegebiete hatten. Der fortschreitende Verlust
ihres Landes an europäische Farmer und ihre Entrechtung hatten die
Herero zum Aufstand getrieben. In den ersten Tagen töteten sie auf
Geheiß ihres Oberhäuptlings Samuel Maharero etwa 150 deutsche
Siedler – bis auf wenige Ausnahmen Männer. Der Schlag kam völlig
unerwartet. Der kaiserlichen Schutztruppe unter Gouverneur Leutwein gelang
es nicht, die Herero niederzukämpfen, vielmehr musste sie mehrere
Niederlagen einstecken.
Aufgebrachte Siedler warfen Leutwein in Briefen nach
Berlin Nachgiebigkeit vor. Das Reich schickte ein Expeditionskorps unter
Generalleutnant Lothar von Trotha. Mittlerweile hatte sich das gesamte
Volk der Herero, das selbst schon kriegsmüde war, samt seinen Rinderherden
am Waterberg zusammengezogen. Die Schlacht, die dort am 11. August 1904
stattfand, konnten die Deutschen zwar für sich verbuchen, doch brach
das Gros der Herero an der schwächsten Stelle der Umzingelung in die
Omaheke durch, einen westlichen Ausläufer der Kalahariwüste.
Diese panikartige Flucht sollte den Herero zum Verhängnis werden.
Von Trotha setzte zu einer Verfolgungsjagd an, um sie noch einmal zu stellen
oder noch tiefer in das wasserarme Sandveld zu treiben und ihnen die Rückkehr
in ihr angestammtes Gebiet zu verwehren. Am 2. Oktober ließ er bei
Osombo-Windimbe demonstrativ Gefangene aufhängen und schickte andere
mit einer Proklamation in die Wüste, die in otjiherero, der Sprache
der Herero, abgefasst war:
"Ich, der große General
der Deutschen Soldaten sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die
Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen,
haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile
abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich
sage dem Volk: Jeder, der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen
als Gefangen abliefert, erhält tausend Mark, wer Samuel Maharero bringt,
erhält fünftausend Mark. Das Volk der Herero muss jedoch das
Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot
Rohr dazu zwingen. Innerhalb der Deutschen Grenzen wird jeder Herero mit
und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber
oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück, oder lasse
auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Herero. Der
große General des mächtigen Deutschen Kaisers." [Bundesarchiv
Potsdam, Akten des Reichskolonialamtes, 10.01 2089 Bl.7, Abschrift Kommando
Schutztruppe 1 Nr. 3737, Osombo-Windhuk, 2.10.1904; zitiert nach: Günther
Spraul: Der Völkermord an den Herero. Untersuchungen zu einer neuen
Kontinuitätsthese; in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 12/1988,
S. 713-739, hier S. 728]
Wenn es nach General von Trotha ging,
sollten die Herero nicht nur im militärischen Sinn "vernichtet" werden.
Der Rapport, den er am 4. Oktober 1904 an den Chef des Generalstabes schickte
und der von diesen auch gebilligt wurde, formuliert vielmehr ein weiterreichendes
Ziel:
„Meine genaue Kenntnis so vieler zentralafrikanischer
Stämme, Bantu und anderer, hat mir überall die überzeugende
Notwendigkeit vor Augen geführt, dass sich der Neger keinem Vertrag,
sondern nur der rohen Gewalt beugt. Deshalb halte ich es für richtiger,
dass die Nation in sich untergeht, und nicht noch unsere Soldaten infiziert
und an Wasser und Nahrungsmitteln beeinträchtigt. Außerdem würde
irgendeine Milde von meiner Seite von Seiten der Herero nur als Schwäche
aufgefasst werden. Sie müssen jetzt im Sandfeld untergehen oder über
die Betschuanagrenze zu gehen trachten. Dieser Aufstand ist und bleibt
der Anfang eines Rassenkampfes, den ich schon 1897 in meinem Bericht an
den Reichskanzler für Ostafrika vorausgesagt habe."
[Bundesarchiv Potsdam, Akten
des Reichskolonialamtes 10.01 2089 Bl. 5/6]
Von Trothas Proklamation zeitigte
eine verheerende Wirkung. Obgleich es viele Anzeichen dafür gab, dass
der Widerstand der Herero gebrochen war, drang die Truppe immer tiefer
in die Omaheke vor. Indem sie Angebote zur Übergabe ignorierte und
Verdurstende "von ihrem Leiden erlöste", trieb sie den Rest des Volkes
gnadenlos vor sich her. Das gesamte Vieh der Herero ging zugrunde. Der
Herero-Historiker Alex Kaputu hat mündliche Überlieferungen von
dieser Todesprozession niedergeschrieben:
„Wenn sie an einem Sandbrunnen kamen, und es gab
Wasser, dann tranken die Krieger. Die Frauen tranken nicht, damit die Krieger
Kraft hätten zu kämpfen. Und wenn sie Hunger hatten, sagten die
Männer zu den Frauen: „Das Kind kann ruhig sterben. Ich muss aus deiner
Brust die Milch saugen, denn ich kann nicht anders, damit ich kämpfen
kann." Das ist, was meine eigene Mutter selbst gesehen hat. Viele von ihnen,
wenn sie zu einer großen Pfanne kamen, in der vielleicht Wasser stand,
tranken nur und fielen dann tot um. Wenn sie vielleicht an einen Sandbrunnen
kamen, und der hatte kein Wasser mehr, und es lag ein Toter dort, dann
schnitten sie ihrem Freunde den Magen auf, um das Wasser zu trinken. Sie
konnten nicht anders."
[Nach einer Sendung im Südwestafrikanischen
Rundfunk, heute NBC; zitiert nach: Gerhard Pool: Samuel Maharero, Windhoek
1991, S. 342 ff.]
Doch es gab auch Widerstand gegen
diese Methode der Kriegsführung. Nach einer erfolgreichen Intervention
beim Kaiser ließ der Reichskanzler Fürst von Bülow General
von Trotha in einem Schreiben vom 11. Dezember 1904 anweisen, "Konzentrationslager
für die einstweilige Unterbringung und Unterhaltung der Reste des
Hererovolkes" einzurichten. Dieser Terminus technicus und auch die
dazu gehörende Sache waren eine Innovation, die England im Burenkrieg
von 1900 lanciert hatte. Für viele Herero, die nicht im Sandveld verdurstet
oder hingerichtet worden waren, begann in diesen Lagern das eigentliche
Martyrium. Sie starben reihenweise an physischer und psychischer Entkräftung
sowie an den Krankheiten, die sie sich unter den miserablen hygienischen
Bedingungen zuzogen. Gleichwohl setzte General von Trotha seine Operationen
gegen die Herero im Veld mit großer Härte fort. Als die Besatzungstruppen
im September 1905 noch einmal das nördliche Zentralnamibia durchkämmten,
wurden 260 Herero getötet und 800 in die Lager abgeführt.
[Zahlen aus: Karl Schwabe: Der
Krieg in Deutsch-Südwest 1094 - 1096; Berlin 1907]
Zwar waren die Soldaten jetzt dazu angehalten, Gefangene
zu machen, doch wie anders als mit Flucht oder Gegenwehr hätten die
gehetzten Menschen reagieren sollen? Durch "bedauerliche Irrtümer"
fielen derartigen Aktionen auch Angehörigen der Damara und San (Buschleute)
zum Opfer. Später eintreffende Soldaten aus dem Reich freuten sich
wie über einen gelungen Bubenstreich, wenn sie Herero-Gehöfte
nieder brannten und sich Schmuck und Geräte als Souvenirs mitnahmen.
Die Zahl der Herero vor dem Krieg wurde vom deutschen
Missionar Jakob Irle auf insgesamt 80.000 geschätzt. [Jakob
Irle in seiner Denkschrift: Was soll aus den Herero werden?, Gütersloh
1906] Andere zeitgenössische Angaben sind niedriger,
doch wird die Zahl 80.000 heute von den meisten deutschen Historikern zitiert.
1911 lebten im Zugriff der Kolonialverwaltung gerade noch etwa 15.130 Herero.
1904 hatten sich 1.200 weitere Herero, unter ihnen Häuptling Samuel
Maharero, über die Grenze von Britisch-Betschuanaland (Botswana) geschleppt.
Einige kleine Gruppen waren durch die deutschen Linien nach Nordwesten
ins Kaokoveld gesickert, wo sie sich der deutschen Kontrolle entzogen.
Innerhalb des „Schutzgebietes“ dürfte die Zahl der frei im Busch lebenden
„Feldherero“ jedoch nicht groß gewesen sein, da sie bis zum Ende
der deutschen Kolonie im Ersten Weltkrieg von der 1907 geschaffenen Landespolizei
verfolgt wurden.
1907 wurde General von Trotha durch
Gouverneur
Friedrich von Lindequist ersetzt. Dieser ließ im Frühjahr
1908 die letzten Konzentrationslager öffnen und legte mit einer neuen
"Eingeborenenverordnung" die Zukunft der Herero fest. Die Rindernomaden
sollten in eine anonyme Masse von "freien Lohnarbeitern" verwandelt werden.
Um ihnen alles zu nehmen, was sie an die einstige Größe ihres
Volkes hätte erinnern können, wurde ihnen jeglicher Besitz von
Land und Großvieh untersagt. Jeder Afrikaner musste ständig
eine Messingmarke mit einer Nummer, auf Reisen zusätzlich einen Pass
mit sich führen. Die Nummern wurden nach Bezirken in ein fortlaufendes
Register eingetragen, das auch den Ort und die Dauer einer Anstellung festhielt.
Da immer wieder einzelne Afrikaner ohne diese Marke gefasst wurden, wurde
sogar ein Brandzeichen diskutiert. Wohnen durften die Herero nur noch in
den dafür eingerichteten "Lokationen" auf den Farmen und in der Nähe
größerer Ortschaften. Anhäufungen von mehr als zehn Familien
waren verboten, Siedlungen, die sich der polizeilichen Kontrolle zu entziehen
trachteten, wurden nicht geduldet. Die Überlebenden des Völkermordes
wurden systematisch ihrer Rechte beraubt. |
INDEX
Appell
an den deutschen Bundestag
Aufstand der Herero
"Ich, der große
General der Deutschen Soldaten ..."
"... dass sich der
Neger nur der rohen Gewalt beugt ..."
Todesprozession der
Herero
1904: Konzentrationslager
für überlebende Herero
"Eingeborenenverordnung"
von 1908 |